Am Ende von Teil 3 stand eine Frage, die ich offen gelassen habe. Wenn Maschinen einen grossen Teil der Arbeit übernehmen, wovon leben die Menschen dann?
Die Antwort, die man in solchen Diskussionen am häufigsten hört, ist immer dieselbe: bedingungsloses Grundeinkommen.
Ich habe mir angeschaut, was die Experimente dazu tatsächlich ergeben haben. Und ich muss sagen, das Ergebnis hat mich in eine andere Richtung gedreht, als ich erwartet hatte.
Das hier ist Teil 4 einer Reihe, die 2017 begonnen hat. In Teil 2 ging es darum, was technisch gerade passiert, in Teil 3 um die gesellschaftliche Seite. Jetzt wird es konkret.
Ich sage vorweg: Ich bin weder Volkswirt noch Politiker. Was folgt, sind Zahlen, die jeder nachprüfen kann, und meine Einschätzung dazu. Beides ist klar getrennt.
Reihe „Massive Veränderungen“, Teil 4 von 4
Teil 1: So bereitest Du Dich darauf vor
Januar 2017. Die Prognose, als davon noch niemand sprach.
Teil 2: Die Roboter kommen
Was davon eingetreten ist, mit Zahlen und Zeitleiste bis 2033.
Teil 3: Wenn Arbeit nicht mehr nötig ist
Was das mit uns macht. Geld, Identität und die Frage, was bleibt.
Teil 4: „Wovon leben wir dann?“ (dieser Artikel)
Grundeinkommen, Konsumsteuer und was die Experimente wirklich zeigen.
Worum es überhaupt geht
Kurz für alle, die den Begriff nur ungefähr kennen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet:
- Jeder bekommt es. Vom Obdachlosen bis zum Millionär.
- Ohne Gegenleistung und ohne Bedürftigkeitsprüfung.
- Jeden Monat, das ganze Leben lang.
- Es ersetzt einen grossen Teil der bisherigen Sozialleistungen.
Der Gedanke dahinter ist älter, als die meisten denken. Schon Milton Friedman, ein ausgesprochen marktliberaler Ökonom, hat in den sechziger Jahren etwas Ähnliches vorgeschlagen. Das ist keine linke Idee und keine rechte. Sie wird von beiden Seiten vertreten, allerdings aus völlig gegensätzlichen Gründen.
Finnland, 2017: Ein Staat probiert es aus
Das bekannteste Experiment lief in Finnland. Zwei Jahre lang, 2017 und 2018, bekamen 2.000 zufällig ausgewählte Arbeitslose monatlich einen festen Betrag. Ohne Auflagen. Auch dann, wenn sie einen Job fanden.

Das Ziel der Regierung war dabei ausgesprochen nüchtern und hatte mit Wohltätigkeit wenig zu tun: Man wollte wissen, ob Menschen eher arbeiten gehen, wenn ihnen das Geld nicht sofort abgezogen wird. Es ging um Beschäftigungsquoten, nicht um Menschenfreundlichkeit.
Das Ergebnis war zweigeteilt, und beide Hälften sind interessant.
Beim erklärten Ziel: durchgefallen. Die Teilnehmer fanden nicht nennenswert häufiger Arbeit als die Vergleichsgruppe. Der erhoffte Beschäftigungseffekt blieb aus.
Bei allem anderen: deutlich positiv. Die Menschen berichteten von weniger Stress, besserer psychischer Gesundheit und mehr Vertrauen in andere und in Institutionen. Der Dauerdruck der Behördenkontrolle war weg.
Finnland hat das Programm danach nicht fortgesetzt.
Die Studie, die ich am ehrlichsten finde
Jetzt kommt die Geschichte, die mich am meisten beeindruckt hat, und zwar nicht wegen des Ergebnisses, sondern wegen des Umgangs damit.
Sam Altman ist der Chef von OpenAI, also von einer der Firmen, die diese ganze Entwicklung überhaupt erst antreiben. Er ist seit Jahren überzeugter Befürworter des Grundeinkommens, aus einem naheliegenden Grund: Wenn seine eigene Technologie Arbeitsplätze überflüssig macht, braucht es eine Antwort darauf.
Also hat er eine der grössten Studien dazu mitfinanziert. Über 1.000 Dollar im Monat, drei Jahre lang, mit Kontrollgruppe.
Und dann kamen die Ergebnisse.
Die Teilnehmer arbeiteten weniger. Sie hatten höhere Schulden. Sie waren häufiger ohne Beschäftigung. Auf die Gesundheit hatte das Geld keinen messbaren Effekt.
Das ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, was der Auftraggeber sich erhofft hatte.
Was ich daran bemerkenswert finde: Die Ergebnisse wurden trotzdem veröffentlicht. Man hätte sie in einer Schublade verschwinden lassen können. Genau das unterscheidet eine ernsthafte Untersuchung von einer Kampagne.
Für mich ist das übrigens dasselbe Prinzip, über das ich in einem anderen Artikel geschrieben habe: Wer eine Überzeugung überprüfbar macht, muss damit leben, dass sie sich als falsch herausstellt.
Und in Deutschland?
Hierzulande lief ein Projekt des Vereins Mein Grundeinkommen zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. 122 Menschen bekamen drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro, verglichen mit rund 1.580 Personen ohne Zahlung.
Das zentrale Ergebnis, das durch die Presse ging: Die Empfänger haben nicht aufgehört zu arbeiten. Die Arbeitszeit blieb im Schnitt praktisch gleich. Was sich verbesserte, war die psychische Gesundheit, und einige wechselten in Jobs, die besser zu ihnen passten, oder machten eine Ausbildung.
Das klingt erst mal gut. Nur muss man dazusagen, was Kritiker zu Recht anmerken, unter anderem das Institut der deutschen Wirtschaft: 122 Personen sind eine sehr dünne Datenbasis für Schlussfolgerungen über 84 Millionen. Und die Teilnehmer hatten sich freiwillig beworben, was die Gruppe von vornherein verzerrt.
Das Problem, das alle diese Studien haben
Und jetzt kommt der Punkt, an dem ich beim Recherchieren hängengeblieben bin. Er wird in der Debatte fast nie erwähnt, obwohl er alles entscheidet.
Keines dieser Experimente hat ein Grundeinkommen getestet.
Sie haben getestet, was passiert, wenn einzelne Menschen Geld bekommen, während alle anderen weiterarbeiten wie bisher.
Das ist etwas völlig anderes.

Wenn morgen jeder in Deutschland 1.200 Euro zusätzlich bekommt, dann bleibt eben nicht alles gleich, nur mit mehr Geld. Dann passiert Folgendes:
- Die Mieten steigen. Wohnraum ist knapp. Wenn alle mehr zahlen können, steigt der Preis. Ein Teil des Grundeinkommens landet direkt beim Vermieter.
- Löhne verändern sich. Unangenehme Jobs müssten besser bezahlt werden, weil niemand sie mehr aus Not machen muss. Das ist gerecht und treibt gleichzeitig die Preise.
- Die soziale Norm verschiebt sich. Wenn Du der Einzige bist, der Geld bekommt, arbeitest Du weiter, weil alle anderen arbeiten. Wenn es alle bekommen, fällt dieser Druck weg.
Nichts davon lässt sich mit 122 Menschen herausfinden. Wir wissen aus diesen Studien eine Menge über Menschen mit mehr Geld. Wir wissen fast nichts über eine Gesellschaft mit Grundeinkommen.
Die eine Ausnahme, und sie liegt in Kenia
Fast nichts. Aber eben nicht gar nichts.
Es gibt nämlich ein Experiment, das genau diesen Einwand ernst nimmt. Es läuft seit 2016, es läuft immer noch, und es ist bis heute das grösste und längste seiner Art. Nur redet bei uns kaum jemand darüber, weil es nicht in Helsinki stattfindet, sondern in ländlichen Dörfern im Westen Kenias.
Die Organisation dahinter heisst GiveDirectly. Rund 23.000 Menschen in etwa 195 Dörfern bekommen Geld, weitere 100 Dörfer dienen als Vergleich. Es geht um eine Grössenordnung von rund 30 Millionen Dollar, ausgezahlt über zwölf Jahre, Laufzeit bis 2028. Ausgewertet wird das Ganze von Abhijit Banerjee, der 2019 den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat, zusammen mit Tavneet Suri vom MIT, Paul Niehaus und Michael Faye.
Und jetzt kommt der Punkt, auf den es mir ankommt.
Hier bekommt nicht eine ausgewählte Person im Dorf Geld. Hier bekommt jeder Erwachsene im Dorf Geld.
Damit ist zumindest im Massstab eines Dorfes genau das getestet, was in Finnland und bei Altman nicht getestet wurde. Nicht „ein Mensch mit mehr Geld“, sondern „ein Ort, an dem es alle bekommen“. Mit Nachbarn, Läden und Preisen.
Vier Gruppen, und der Unterschied zwischen ihnen ist die eigentliche Erkenntnis
Der Aufbau ist ungewöhnlich klug, weil er nicht nur fragt, ob Geld wirkt, sondern in welcher Form:
- Rund 5.000 Menschen bekommen zwölf Jahre lang monatlich 22,50 Dollar.
- Rund 8.800 bekommen denselben Betrag, aber nur zwei Jahre lang.
- Rund 8.800 bekommen die Summe dieser zwei Jahre auf einen Schlag, also rund 500 Dollar.
- Rund 11.000 bekommen nichts und bilden die Vergleichsgruppe.
22,50 Dollar im Monat sind etwa 75 Cent am Tag. Für Dich und mich ein Kaffee. Dort ist es ungefähr die Hälfte dessen, wovon ein Mensch lebt.
Und die Ergebnisse der ersten zwei Jahre lesen sich völlig anders als alles, was in diesem Artikel bisher stand.
Sie haben nicht aufgehört zu arbeiten. Sie haben angefangen zu gründen.
Die Arbeitszeit insgesamt ist nicht gesunken. Verändert hat sich die Art der Arbeit: weg von der Lohnarbeit auf fremden Feldern, hin zur Selbstständigkeit.
In den Dörfern entstanden Betriebe. Kleine Läden am Markt, Motorradtaxis, Bautrupps. Und zwar messbar:
- Die Gruppe mit der Einmalzahlung hatte rund 19 Prozent mehr Betriebe als die Gruppe, die dasselbe Geld in monatlichen Raten über zwei Jahre bekam.
- Die Nettoerträge dieser Betriebe lagen bei ihr rund 80 Prozent höher.
- Und die Preise in den Dörfern sind nicht gestiegen, obwohl auf einmal viel Geld hereinkam.
Dasselbe Geld. Dieselben Menschen. Nur eine andere Form der Auszahlung. Und daraus wird ein völlig anderes Ergebnis.

Der Trick, den sich die Leute selbst ausgedacht haben
Am meisten hängen geblieben ist bei mir aber etwas anderes. Und das hat mit Unternehmertum mehr zu tun als jede Modellrechnung.
Die Menschen, denen zwölf Jahre zugesagt waren, standen vor demselben Problem wie die Zwei-Jahres-Gruppe: 22,50 Dollar im Monat sind ein Rinnsal. Davon kauft man kein Motorrad.
Also haben sie sich zusammengetan. In Kenia gibt es dafür eine alte Einrichtung, rotierende Sparclubs. Jeder zahlt monatlich ein, und jeden Monat bekommt ein anderes Mitglied den ganzen Topf. Wer dran ist, hat plötzlich eine Summe statt einer Rate.
Die Zahlen dazu sind deutlich. Die Zwei-Jahres-Gruppe zahlte rund 8 Prozent mehr in solche Clubs ein als die Vergleichsgruppe. Die Zwölf-Jahres-Gruppe fast 70 Prozent mehr.
Diese Menschen haben sich ihr Startkapital selbst gebaut. Niemand hat es ihnen erklärt, niemand hat ein Förderprogramm dafür aufgelegt. Sie hatten eine verlässliche Zusage und haben daraus ein Finanzierungsinstrument gemacht.
In meiner Zeit als Unternehmer habe ich selten erlebt, dass jemandem die Idee fehlt. Was fast immer fehlt, ist das erste Geld, mit dem sich die Idee überhaupt ausprobieren lässt. Und das Zweite, was fehlt, ist noch banaler: die Gewissheit, nächsten Monat noch da zu sein. Genau diese beiden Dinge hatte die Zwölf-Jahres-Gruppe. Und sie hat sie benutzt.
Warum ich das trotzdem nicht auf Deutschland übertrage
Hier könnte ich aufhören und hätte den schönsten Abschnitt des ganzen Artikels. Nur wäre das unredlich. Es kommen drei Einschränkungen, und sie sind nicht klein.
Erstens: Kenia ist nicht Deutschland. 22,50 Dollar verändern in einem kenianischen Dorf ein Leben. Hier sind sie der Wocheneinkauf. Was dort gemessen wurde, lässt sich nicht auf ein Land übertragen, in dem die Existenzsicherung bei über tausend Euro anfängt.
Zweitens: Der Engpass war ein anderer. Dort fehlte schlicht Kapital. Wer eine Nähmaschine, eine Ladentheke oder ein Motorrad braucht, keine 500 Dollar hat und keine Bank, die ihm welche leiht, kommt nicht los. Löst man diesen Engpass, entsteht Unternehmertum. Bei uns ist Startkapital für einen kleinen Betrieb selten das Problem. Bei uns fehlen Nachfrage, Genehmigungen und Zeit.
Drittens, und das ist der ehrlichste Einwand: Dass die Preise nicht gestiegen sind, hat einen einfachen Grund. Ein kenianisches Dorf kann Waren von aussen holen. Wenn dort plötzlich mehr Seife gebraucht wird, kommt mehr Seife ins Dorf. Bei einer landesweiten Einführung in Deutschland gibt es für Wohnraum aber kein „aussen“. Mein Mietargument aus dem letzten Abschnitt ist damit nicht widerlegt. Es wurde nur nicht getestet.
Dazu kommt: Zwei Jahre von zwölf sind ausgewertet. Was in Jahr acht passiert, weiss heute niemand.
Was ich daraus mitnehme
Der Satz, den ich aus Kenia mitgenommen habe, lautet nicht „Grundeinkommen funktioniert“.
Er lautet: Nicht die Summe entscheidet, sondern die Form und die Verlässlichkeit.
Dasselbe Geld, einmal als Rinnsal und einmal als Klumpen, ergibt zwei verschiedene Volkswirtschaften. Und eine Zusage über zwölf Jahre bewirkt etwas, das eine Zusage über zwei Jahre nicht bewirkt. Sie lässt Menschen anders rechnen. Wer weiss, dass etwas kommt, wagt etwas.
Für unsere Debatte ist das fast wichtiger als die Frage nach der Höhe. Wir streiten über den Betrag und übersehen dabei, dass die Bauform mindestens genauso viel ausmacht.
Die Rechnung, die selten jemand aufmacht
Kommen wir zu dem Teil, der in Talkshows meistens übersprungen wird. Was kostet das eigentlich?
Untersuchungen dazu kommen auf eine Grössenordnung von rund 900 Milliarden Euro pro Jahr für ein existenzsicherndes Grundeinkommen in Deutschland.
Damit man das einordnen kann: Der gesamte Bundeshaushalt liegt bei etwa der Hälfte davon.

Man kann das finanzieren. Die Frage ist nur, wie. Die durchgerechneten Modelle sehen ungefähr so aus:
- Ohne grosse Einsparungen bräuchte es einen einheitlichen Steuersatz von rund 66 Prozent auf alle Einkommen, um 1.000 Euro pro Erwachsenem und 500 Euro pro Kind zu zahlen.
- Mit erheblichen Einsparungen ginge es mit etwa 48 Prozent. Dafür müssten allerdings zusätzlich rund 224 Milliarden Euro im Haushalt an anderer Stelle wegfallen.
Ein einheitlicher Satz von 66 Prozent klingt dramatisch, ist aber nicht ganz so einfach zu bewerten. Wer wenig verdient, bekommt netto mehr, als er einzahlt. Unter dem Strich würde die untere Hälfte der Einkommen im Schnitt profitieren, die obere Hälfte zahlt drauf.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Es ist die grösste Umverteilung, die dieses Land je beschlossen hätte. Man kann das für richtig halten. Man sollte nur nicht so tun, als wäre es eine technische Detailfrage.
Die Schweiz hat abgestimmt
Übrigens gab es dazu schon eine echte demokratische Entscheidung. 2016 stimmte die Schweiz über die Einführung eines Grundeinkommens ab.
Das Ergebnis: rund 77 Prozent dagegen.
Das war kein knappes Rennen und keine Sache von Lobbyisten. Das war eine Bevölkerung, die sich sehr deutlich entschieden hat. Wer über Grundeinkommen redet, sollte diese Zahl kennen.
Der Drogeriemarkt-Gründer, der es durchgerechnet hat
Und jetzt zu dem Mann, der in Deutschland am längsten und am hartnäckigsten für diese Idee geworben hat. Er war kein Sozialpolitiker und kein Aktivist. Er war Unternehmer.
Götz Werner hat 1973 dm gegründet und daraus eine der grössten Drogerieketten Europas gemacht. Ab Mitte der 2000er Jahre wurde er zum bekanntesten Fürsprecher des Grundeinkommens im deutschsprachigen Raum. Sein Buch dazu heisst Einkommen für alle. Er ist 2022 gestorben.
Was ihn von den meisten anderen unterscheidet: Er hat nicht nur gefordert, sondern ein vollständiges Finanzierungsmodell vorgelegt. Und das ist radikaler als alles, was sonst diskutiert wird.
Sein Vorschlag in einem Satz
Alle Steuern auf Einkommen abschaffen und stattdessen nur noch den Konsum besteuern.
Also weg mit Lohnsteuer, Kapitalertragsteuer und Unternehmenssteuern. Und dafür die Mehrwertsteuer hoch, auf mindestens fünfzig Prozent.
Wer das zum ersten Mal hört, denkt an einen Rechenfehler. Werners Begründung dahinter ist aber erstaunlich schlüssig, und sie geht so:
Jede Steuer landet am Ende ohnehin im Preis. Wenn ein Unternehmen Lohnsteuer, Sozialabgaben und Gewinnsteuer zahlt, sind diese Kosten in dem einkalkuliert, was Du an der Kasse bezahlst. Wir besteuern also längst den Konsum, nur auf einem gewaltigen Umweg über Lohnabrechnungen, Steuerbescheide und Finanzämter.
Werners Punkt: Dann kann man es auch gleich direkt tun. Nicht die Leistung besteuern, sondern die Entnahme. Nicht was jemand beiträgt, sondern was er herausnimmt.
Zum Einwand, das treffe Ärmere härter, hatte er eine Antwort: eine gestaffelte Mehrwertsteuer. Niedrig auf Grundnahrungsmittel und alltägliche Dinge, hoch auf Luxus.
Maschinen zahlen keine Lohnsteuer
Es gibt eine Frage, die mir in Gesprächen immer öfter begegnet: Welche Form von Einkommen wäre überhaupt möglich, wenn kaum noch jemand arbeitet und alles über den Konsum getragen wird? Genau an dieser Stelle bekommt Werners Modell ein Argument, das er selbst so vielleicht noch gar nicht im Blick hatte.
Denk kurz darüber nach, worauf unser Steuersystem aufgebaut ist. Der grösste Teil der Staatseinnahmen hängt an Arbeit. Lohnsteuer, Sozialabgaben, alles knüpft an Beschäftigungsverhältnisse an.
Und jetzt stell Dir die Welt aus Teil 2 vor. Ein Werk, in dem Roboter arbeiten. Eine Kanzlei, in der die KI recherchiert. Eine Küche ohne Koch.
Diese Maschinen zahlen keine Lohnsteuer. Sie zahlen keine Rentenbeiträge. Sie werden nicht krank und beziehen kein Arbeitslosengeld.
Der Wohlstand entsteht weiter, vielleicht sogar mehr davon. Er läuft nur an der Stelle vorbei, an der der Staat ihn bisher abgreift.
Eine Konsumsteuer hat dieses Problem nicht. Ihr ist es vollkommen egal, ob ein Mensch oder eine Maschine das Produkt hergestellt hat. Sie greift dort, wo der Wert realisiert wird: beim Verkauf.
Deshalb halte ich Werners Modell heute für interessanter als vor zwanzig Jahren, als er es entwickelt hat. Nicht weil es damals falsch war. Sondern weil das Problem, das es löst, gerade erst entsteht.
Wer trägt dieses System eigentlich?
Es gibt einen zweiten Vorteil, über den kaum geredet wird: Bei einer Konsumsteuer zahlen tatsächlich alle.
Schau Dir an, wer heute das System trägt. Es sind vor allem sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Auf ihren Lohnzetteln steht die Rechnung.
Wer zahlt vergleichsweise wenig ein?
- Beamte zahlen keine Beiträge zur Renten- und Arbeitslosenversicherung.
- Rentner zahlen auf ihre Bezüge nur begrenzt Steuern und keine Beiträge mehr.
- Wer von Vermögen lebt, wird pauschal und meist niedriger belastet als jemand, der arbeitet.
- Erben zahlen einmalig, oft mit grosszügigen Freibeträgen.
- Schwarzarbeit entzieht sich vollständig.
- Konzerne, die Gewinne ins Ausland verschieben, ebenfalls.
Bei einer Konsumsteuer greift nichts davon. Wer einkauft, zahlt. Ohne Ausnahme. Der Beamte an der Kasse genauso wie der Rentner, der Erbe, der Schwarzarbeiter und der Tourist aus dem Ausland.
Und der Punkt, der mich als Unternehmer am meisten überzeugt: Ein internationaler Konzern kann seinen Gewinn nach Irland verschieben. Den Verkauf an eine Kundin in Bochum kann er nicht verschieben. Wo verkauft wird, wird besteuert.
Die Bemessungsgrundlage wird damit erheblich breiter. Und je breiter sie ist, desto niedriger kann der Satz ausfallen, um dieselbe Summe einzunehmen.
Die Zahlen dazu, damit es nicht bei Behauptungen bleibt
Ich habe das nachgerechnet, weil ich es selbst genauer wissen wollte. Die Grössenordnungen für Deutschland:
- Rund 84 Millionen Menschen leben hier.
- Etwa 45,7 Millionen davon waren im zweiten Quartal 2026 erwerbstätig. Das ist gut die Hälfte.
- Rund 46 Millionen gelten als einkommensteuerpflichtig.
Bei der letzten Zahl muss man allerdings aufpassen, und mir ist das beim Nachrechnen selbst erst aufgefallen. „Steuerpflichtig“ heisst nicht „zahlt Steuern“. In dieser Zahl stecken auch Minijobber, Menschen unter dem Grundfreibetrag und Fälle, bei denen am Ende null herauskommt. Ausserdem zählt ein zusammenveranlagtes Ehepaar als ein einziger Fall.
Die Zahl, auf die es wirklich ankommt, ist eine andere: Wer zahlt unterm Strich mehr ein, als er herausbekommt?
Und da schrumpft es dramatisch. Schätzungen zu den sogenannten Nettozahlern, also Menschen, die mehr an Steuern und Abgaben leisten als sie an Transfers empfangen, liegen in einer Grössenordnung von etwa 15 Millionen. Die Zahl schwankt je nachdem, was man alles einrechnet, und darüber lässt sich streiten. Die Grössenordnung ist aber deutlich.
Rund 15 von 84 Millionen. Nicht einmal jeder Fünfte.
Und innerhalb dieser Gruppe geht es noch weiter auseinander: Die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen tragen etwa die Hälfte des gesamten Einkommensteueraufkommens. Das sind ungefähr 4,6 Millionen Menschen, also rund fünf Prozent der Bevölkerung. Die untere Hälfte der Steuerpflichtigen kommt zusammen auf etwa siebzehn Prozent der Einkünfte.
Man kann das für richtig halten, dafür gibt es gute Gründe. Progression ist gewollt.
Es macht das System aber extrem verletzlich. Wenn Automatisierung genau die gut bezahlten Tätigkeiten trifft, aus denen dieses knappe Zehntel sein Einkommen bezieht, wackelt nicht ein Randbereich der Staatsfinanzen. Es wackelt die Hälfte davon.
Wer wenig einzahlt und trotzdem einkauft
Die Gruppen, die in dieser Rechnung kaum auftauchen, konsumieren aber alle:
- Rund 38 Millionen Menschen sind nicht erwerbstätig. Kinder, Schüler, Studierende, Rentner, Pflegende, Erwerbslose.
- Millionen Gäste aus dem Ausland jedes Jahr. Sie übernachten, essen, tanken und kaufen ein, ohne einen Cent Lohnsteuer hier zu zahlen.
- Wer von Vermögen lebt, wird pauschal besteuert, meist niedriger als jemand, der arbeitet.
- Schwarzarbeit entzieht sich der Lohnsteuer vollständig. Dem Supermarkt an der Ecke entzieht sie sich nicht.
Bei einer Konsumsteuer zahlen sie alle mit. Nicht weil man sie zur Kasse bittet, sondern weil sie einkaufen.
Aus etwa 15 Millionen Nettozahlern, von denen wiederum 4,6 Millionen die Hauptlast tragen, werden dann rund 84 Millionen, plus alle Gäste. Und je breiter die Basis, desto niedriger kann der Satz sein, um dieselbe Summe hereinzuholen.
Das ist für mich der stärkste sachliche Punkt in dieser ganzen Debatte, und er hat mit Gerechtigkeitsgefühl gar nichts zu tun. Er ist schlicht eine Frage der Statik. Ein System, das auf fünf Prozent der Bevölkerung ruht, ist kein stabiles Fundament für eine Zeit, in der genau diese Einkommen unter Druck geraten.
Und was passiert eigentlich mit der Schwarzarbeit?
Diese Frage kam mir erst spät, und die Antwort gefällt mir ausgesprochen gut.
Überleg mal, warum Schwarzarbeit sich heute überhaupt lohnt. Der Handwerker, der ohne Rechnung arbeitet, spart Lohnsteuer, Sozialabgaben und Umsatzsteuer auf einmal. Das ist der Grund, warum „ohne Rechnung“ so viel günstiger sein kann. Bei der Schattenwirtschaft geht es um Beträge in dreistelliger Milliardenhöhe.
Und jetzt streich in dieser Rechnung die ersten beiden Posten.
Wenn es keine Lohnsteuer und keine Sozialabgaben mehr gibt, fällt der grösste Teil des Anreizes einfach weg. Der Handwerker verdient legal genauso viel wie schwarz, weil auf seinen Verdienst ohnehin nichts erhoben wird. Sein Motiv verschwindet vollständig.
Das finde ich bemerkenswert. Man bekämpft Schwarzarbeit nicht mit mehr Kontrollen, sondern indem man den Grund dafür abschafft.
Ganz weg ist sie trotzdem nicht
Ich muss die gute Nachricht direkt wieder etwas eindampfen, sonst wird es zu schön.
Ein Anreiz bleibt nämlich übrig, und zwar auf der anderen Seite: der Kunde. Der spart bei einer Rechnung ohne Beleg die Konsumsteuer, und die wäre in diesem Modell hoch. Aus „schwarz arbeiten“ würde also „ohne Rechnung verkaufen“.
Zwei Dinge schwächen das aber ab:
Erstens gibt es jetzt nur noch einen statt zwei Beteiligte mit Vorteil. Heute profitieren Auftraggeber und Auftragnehmer gemeinsam, deshalb schweigen beide. Künftig hätte nur der Kunde etwas davon. Der Handwerker riskiert seinen Betrieb für den Vorteil eines anderen. Das ist eine deutlich schlechtere Geschäftsgrundlage.
Zweitens ist Material nicht schwarz zu bekommen. Fliesen, Kabel, Rohre und Farbe laufen über den Grosshandel und sind erfasst. Wer regelmässig Material kauft und keine passenden Umsätze meldet, fällt auf. Bei Lohn funktioniert diese Gegenrechnung nicht.
Unterm Strich: Der Anreiz halbiert sich mindestens und die Kontrolle wird leichter. Das ist kein Nebeneffekt, das ist ein echtes Argument. Es macht nur aus einem Problem ein kleineres, kein verschwundenes.
Aber würde dann nicht alles teurer?
Das ist der Einwand, der sofort kommt, und ich hatte ihn zuerst selbst. Fünfzig Prozent Mehrwertsteuer, das klingt nach einer Verdopplung an der Ladenkasse.
Nur stimmt das bei genauerem Hinsehen nicht, und der Grund steht schon oben.
In dem Preis, den Du heute zahlst, stecken bereits massenhaft Steuern. Die Lohnsteuer der Mitarbeiter, die Sozialabgaben des Arbeitgebers, die Gewinnsteuer des Unternehmens, und dasselbe nochmal bei jedem Zulieferer in der Kette. Das alles ist eingepreist, nur sieht man es nicht.
Wenn diese Abgaben wegfallen, sinken die Herstellungskosten. Der Nettopreis geht runter, die Konsumsteuer kommt drauf. Was hinten auf dem Preisschild steht, bleibt in der Summe ungefähr gleich. Es wird nur sichtbar, was vorher versteckt war.
Die Automatisierung drückt zusätzlich
Dazu kommt ein zweiter Effekt, der in dieser Debatte fast nie mitgedacht wird, obwohl er das Thema dieser ganzen Reihe ist.
Wenn Roboter einen wachsenden Teil der Produktion übernehmen, sinken die Herstellungskosten ohnehin. Und zwar nicht nur beim Lohn:
- Kein Krankenstand
- Kein Wissensverlust bei Kündigung
- Keine Einarbeitung neuer Leute
- Gleichbleibende Qualität, rund um die Uhr
- Und mit jedem Modellwechsel wird es effizienter
Die Preise fallen also von zwei Seiten gleichzeitig: durch den Wegfall der Lohnnebenkosten und durch die Automatisierung selbst. Eine hohe Konsumsteuer trifft damit auf eine Kostenbasis, die deutlich niedriger liegt als heute.
Das macht Werners Modell nicht zwingend richtig. Aber es entkräftet den Einwand, der am häufigsten gegen ihn vorgebracht wird.
Schleichend statt auf einen Schlag
Der sinnvolle Weg wäre eine schrittweise Verschiebung, parallel zu dem, was auf dem Arbeitsmarkt ohnehin geschieht. Jedes Jahr ein Stück Lohnsteuer und Sozialabgaben runter, jedes Jahr ein Stück Konsumsteuer rauf. In dem Tempo, in dem Automatisierung die Lohnsumme tatsächlich schrumpfen lässt.
Das hat einen eleganten Nebeneffekt: Das System reguliert sich selbst. Solange viele Menschen arbeiten, trägt die Lohnsteuer den grösseren Teil. Je mehr Maschinen übernehmen, desto stärker wandert die Last zur Konsumsteuer. Man muss nicht vorher wissen, wie schnell es geht. Man muss nur die Richtung festlegen.
Über zwanzig Jahre verteilt wäre das für den Einzelnen kaum spürbar. Genau so ist die Mehrwertsteuer in Deutschland ohnehin gewachsen: von zehn Prozent bei ihrer Einführung 1968 auf heute neunzehn. Das hat niemanden umgeworfen.
Jedes Land kann das für sich entscheiden
Bei der Mehrwertsteuer gilt bereits das Bestimmungslandprinzip: Exporte gehen steuerfrei raus, Importe werden im Zielland besteuert. Deshalb funktionieren in der EU völlig unterschiedliche Sätze nebeneinander, von siebzehn Prozent in Luxemburg bis siebenundzwanzig in Ungarn.
Ein einzelnes Land kann seinen Satz also erhöhen, ohne dass die Exportwirtschaft leidet. Es braucht keine internationale Abstimmung und keinen Beschluss in Brüssel.
Auch der oft genannte Einkaufstourismus ist bei genauerem Hinsehen kein starkes Gegenargument. Wenn der Endpreis im Inland ungefähr gleich bleibt, weil der Nettopreis um die entfallenen Abgaben sinkt, verändert sich der Anreiz zum Kauf im Nachbarland nicht. Er ist heute genauso vorhanden wie danach.
Wo ich trotzdem Bauchschmerzen habe
Zwei Punkte bleiben, und einer davon wiegt schwer.
Erstens eine Verschiebung zwischen den Generationen. Wer arbeitet, hätte durch die wegfallende Lohnsteuer sofort mehr netto. Wer bereits in Rente ist, hat diesen Zugewinn nicht. Schlechter steht er nicht da, weil sein Einkaufspreis gleich bleibt. Aber die Erwerbstätigen ziehen an ihm vorbei. Ob man das für gerecht hält, ist eine politische Frage, keine rechnerische.
Zweitens, und das ist der eigentliche Knackpunkt: die politische Durchsetzbarkeit. „Fünfzig Prozent Mehrwertsteuer“ ist eine Schlagzeile, die jede Wahl entscheidet, völlig unabhängig davon, ob die Rechnung dahinter aufgeht. Wer das erklären will, braucht drei Absätze. Wer dagegen ist, braucht drei Worte.
Und genau daran wird es vermutlich scheitern. Nicht an der Mathematik.
Das sind alles Einwände gegen die Umsetzung, nicht gegen den Grundgedanken. Und der lautet: Wenn Arbeit als Steuerquelle wegbricht, muss man dorthin gehen, wo der Wert tatsächlich ankommt.
Die Modelle, über die kaum jemand spricht
Die Debatte läuft fast immer auf ein Entweder-oder hinaus: Grundeinkommen ja oder nein. Dabei gibt es mehrere Zwischenwege, die ich für erheblich realistischer halte.
Negative Einkommensteuer
Das ist Friedmans alter Vorschlag. Statt allen Geld zu geben und es Besserverdienenden wieder wegzusteuern, verrechnet man beides direkt. Wer unter einer bestimmten Grenze liegt, bekommt vom Finanzamt etwas heraus, statt einzuzahlen.
Das Ergebnis ist ähnlich, der Verwaltungsaufwand aber deutlich kleiner, und die Summen, die im Kreis geschickt werden, entfallen.
Die Dividende auf gemeinsames Eigentum
Dieses Modell finde ich am spannendsten, weil es seit über vierzig Jahren im Einsatz ist und trotzdem kaum jemand darüber redet.
Der US-Bundesstaat Alaska zahlt seit 1982 jedem Einwohner einmal im Jahr eine Dividende aus einem Fonds, der aus Öleinnahmen gespeist wird. Die Beträge schwanken, aber es ist echtes Geld, es kommt zuverlässig, und niemand muss dafür etwas nachweisen.
Der entscheidende Unterschied zum Grundeinkommen: Es ist keine Sozialleistung. Es ist ein Ertragsanteil. Die Bodenschätze gehören allen, also bekommt jeder etwas davon ab.
Und genau hier wird es für unser Thema interessant. Wenn Roboter und KI künftig einen grossen Teil der Wertschöpfung erzeugen, dann liesse sich dieselbe Logik anwenden: Beteiligung am Produktivkapital statt Transferzahlung.
Der Unterschied ist psychologisch enorm. Eine Sozialleistung macht Dich zum Empfänger. Eine Dividende macht Dich zum Miteigentümer. Das Geld ist dasselbe, das Selbstbild ein völlig anderes.
Weniger arbeiten statt gar nicht
Und die unspektakulärste Variante ist zugleich die historisch bewährteste. Als die Industrialisierung die Produktivität vervielfachte, sind wir nicht alle arbeitslos geworden. Die Arbeitszeit ist gesunken. Von sechs Tagen auf fünf, von sechzig Stunden auf vierzig.
Diesen Weg kann man weitergehen. Er ist unaufgeregt, er ist erprobt, und er hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber allen anderen Modellen: Die Menschen bleiben Teil des Arbeitslebens.
Warum Geld allein die Frage nicht beantwortet
Und damit sind wir wieder bei dem Punkt aus Teil 3, den ich für den wichtigsten halte.
Bei allen diesen Modellen geht es um Einkommen. Um die Frage, wovon Menschen leben. Das ist eine wichtige Frage, und sie ist lösbar. Es gibt Modelle, es gibt Rechnungen, man kann darüber streiten und sich am Ende auf etwas einigen.
Nur beantwortet keines dieser Modelle die andere Frage.

Erinnerst Du Dich an das finnische Ergebnis? Die Menschen waren zufriedener, entspannter, gesünder. Aber sie fanden nicht häufiger Arbeit. Das Geld hat den Druck genommen. Es hat keine Aufgabe geschaffen.
Und Aufgabe ist das, was Menschen brauchen. Nicht Beschäftigung. Aufgabe.
Ich habe im letzten Teil geschrieben, dass ich Menschen erlebt habe, die finanziell abgesichert in Rente gingen und innerhalb eines Jahres eingegangen sind. Nicht wegen des Geldes. Weil morgens niemand mehr auf sie wartete.
Ein Grundeinkommen hätte diesen Menschen nicht geholfen. Sie hatten das Geld ja.
Deshalb halte ich die Diskussion für zu eng geführt. Wir reden über die Finanzierung eines Lebens ohne Erwerbsarbeit und lassen die schwierigere Hälfte einfach weg: Was tun die Leute den ganzen Tag, und wo kommt das Gefühl her, gebraucht zu werden?
Über die Kehrseite davon, nämlich was passiert, wenn Menschen sich zurückziehen und Gemeinschaft wegbricht, habe ich in Zwischen Selbstoptimierung und sozialer Kälte ausführlich geschrieben. Das ist kein Nebenschauplatz. Das ist der Kern.
Was ich glaube
Ich bin in diese Recherche mit einer vagen Sympathie für das Grundeinkommen gegangen. Herausgekommen bin ich mit einer differenzierteren Haltung, und ich versuche, sie ehrlich zu formulieren.
Gegen ein Grundeinkommen in Reinform spricht für mich: Die Kosten sind gewaltig, die Studienlage ist dünner als behauptet, und kein Experiment in einem Industrieland hat getestet, was wirklich passieren würde. Dazu kommt die Erfahrung aus Alaska und Finnland: Geld allein verändert weniger, als man hofft.
Dafür spricht: Wenn die Entwicklung aus Teil 2 so weitergeht, brauchen wir irgendetwas. Die heutigen Systeme sind bürokratisch, demütigend und auf eine Arbeitswelt zugeschnitten, die es bald nicht mehr gibt. Und Kenia zeigt, dass eine verlässliche Zusage Menschen nicht passiv macht, sondern unternehmerisch, wenn sie die richtige Form hat.
Am wahrscheinlichsten und am sinnvollsten halte ich eine Kombination:
- Eine Grundsicherung ohne Erniedrigung. Kein Bittstellerverfahren, keine Verdachtskultur. Das lässt sich über eine negative Einkommensteuer weitgehend automatisch abwickeln. Was Kenia dazu beisteuert: Die Zusage muss lange genug gelten, dass man mit ihr planen kann.
- Beteiligung statt Transfer. Wenn Maschinen die Wertschöpfung übernehmen, sollten die Erträge breiter verteilt sein. Nach dem Muster Alaskas, aber auf Produktivkapital bezogen.
- Eine Verschiebung der Steuerbasis weg von der Arbeit. Werners Grundgedanke wird umso zwingender, je weniger Wertschöpfung über Löhne läuft. Ob über Konsum, über Maschinenbesteuerung oder über Kapitalerträge, ist die eigentliche Debatte, die wir führen müssten.
- Und die Verkürzung der Arbeitszeit statt ihrer Abschaffung. Weil Menschen Aufgabe brauchen, nicht nur Einkommen.
Punkt drei ist mir der wichtigste, und er ist der einzige, der in der öffentlichen Debatte fast nicht vorkommt.
Der erste Schritt für heute
Diesmal geht es nicht um Politik, sondern um Dich.
Stell Dir vor, ab morgen kommen jeden Monat 1.200 Euro auf Dein Konto. Ohne Bedingung, ohne Ende.
Und jetzt beantworte schriftlich eine einzige Frage:
Was würdest Du am ersten Montagmorgen tun?
Nicht was Du kündigen würdest. Nicht wovon Du träumst. Was Du am Montag um neun Uhr tatsächlich tun würdest, und was am Dienstag.

Bei den meisten Menschen wird die Antwort nach ein paar Zeilen dünn. Und genau das ist der interessante Teil.
Wer darauf eine gute Antwort hat, für den ist ein Grundeinkommen eine Befreiung. Wer keine hat, für den wäre es eine Leere mit Überweisung.
Diese Antwort kannst Du Dir heute erarbeiten. Lange bevor irgendein Gesetz beschlossen wird.
Damit ist die Reihe vorerst komplett
Vier Artikel, neun Jahre, ein Thema.
2017 habe ich geschrieben, dass eine Welle kommt. In Teil 2 ging es darum, dass sie da ist, mit Zahlen, die mich selbst überrascht haben. Teil 3 hat gefragt, was das mit uns macht. Und hier ging es darum, wie man das organisieren könnte.
Was ich nach diesen vier Artikeln denke:
Die technische Frage ist entschieden. Die wirtschaftliche ist lösbar. Die menschliche ist offen.
Und die letzte ist die einzige, bei der es wirklich auf Dich ankommt.
Häufig gestellte Fragen
Was ist ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Eine regelmässige Zahlung an alle Bürger, ohne Bedürftigkeitsprüfung und ohne Gegenleistung, die einen grossen Teil der bisherigen Sozialleistungen ersetzen soll. Die Idee stammt nicht aus einem politischen Lager: Auch der marktliberale Ökonom Milton Friedman schlug in den sechziger Jahren eine verwandte Variante vor.
Was hat das Grundeinkommens-Experiment in Finnland ergeben?
Zwei Dinge. Der erhoffte Beschäftigungseffekt blieb aus, die Teilnehmer fanden nicht häufiger Arbeit als die Vergleichsgruppe. Gleichzeitig berichteten sie von weniger Stress, besserer psychischer Gesundheit und mehr Vertrauen. Fortgesetzt wurde das Programm nicht.
Was ergab die von Sam Altman finanzierte Studie?
Ernüchternde Zahlen. Die Empfänger arbeiteten weniger, hatten höhere Schulden und waren häufiger ohne Beschäftigung, messbare Gesundheitseffekte gab es nicht. Bemerkenswert ist, dass diese Ergebnisse veröffentlicht wurden, obwohl der Geldgeber ein bekannter Befürworter des Grundeinkommens ist.
Was hat die Grundeinkommens-Studie in Kenia ergeben?
Es ist das grösste und längste Experiment weltweit: Seit 2016 erhalten rund 23.000 Menschen in etwa 195 Dörfern Geld, die Studie läuft bis 2028. Nach den ersten zwei Jahren arbeiteten die Empfänger nicht weniger, sondern anders: weg von der Lohnarbeit, hin zur Selbstständigkeit. Es entstanden mehr Betriebe, die Erträge stiegen, und die Preise in den Dörfern blieben stabil.
Warum wirkt eine Einmalzahlung stärker als monatliche Raten?
Weil sich von einer Rate keine Investition bezahlen lässt. In Kenia hatte die Gruppe mit einer Einmalzahlung von rund 500 Dollar etwa 19 Prozent mehr Betriebe und rund 80 Prozent höhere Nettoerträge als die Gruppe, die dieselbe Summe monatlich über zwei Jahre bekam. Wer zwölf Jahre zugesagt bekam, baute sich über rotierende Sparclubs selbst eine Einmalzahlung.
Lässt sich das Ergebnis aus Kenia auf Deutschland übertragen?
Nur eingeschränkt. 22,50 Dollar im Monat sind in einem kenianischen Dorf etwa die Hälfte des Lebensunterhalts, in Deutschland wären sie ein Wocheneinkauf. Dort war fehlendes Startkapital der Engpass, hier sind es eher Nachfrage, Genehmigungen und Zeit. Dass die Preise stabil blieben, liegt zudem daran, dass ein Dorf Waren von aussen holen kann. Für Wohnraum in einem ganzen Land gilt das nicht.
Was kostet ein Grundeinkommen in Deutschland?
Untersuchungen kommen auf eine Grössenordnung von rund 900 Milliarden Euro jährlich, also etwa das Doppelte des gesamten Bundeshaushalts. Finanzierbar wäre das mit einem einheitlichen Steuersatz von rund 66 Prozent oder mit etwa 48 Prozent, wenn zusätzlich rund 224 Milliarden Euro an anderer Stelle eingespart würden.
Warum sind die bisherigen Studien nur begrenzt aussagekräftig?
Weil sie kein Grundeinkommen getestet haben, sondern Zahlungen an einzelne Personen in einer Gesellschaft, in der alle anderen weiterarbeiten. Effekte wie steigende Mieten, veränderte Löhne und verschobene soziale Normen treten erst auf, wenn alle die Zahlung erhalten. Das lässt sich mit einigen hundert Teilnehmern nicht messen.
Hat schon ein Land über ein Grundeinkommen abgestimmt?
Ja. Die Schweiz stimmte 2016 darüber ab. Rund 77 Prozent der Wählenden lehnten die Einführung ab. Das war die bislang deutlichste demokratische Entscheidung zu diesem Thema.
Was war das Modell von Götz Werner?
Der dm-Gründer schlug vor, sämtliche Steuern auf Einkommen abzuschaffen, also Lohnsteuer, Kapitalertragsteuer und Unternehmenssteuern, und das Grundeinkommen allein über eine Konsumsteuer von mindestens fünfzig Prozent zu finanzieren. Seine Begründung: Jede Steuer ist am Ende ohnehin im Preis enthalten, also könne man auch direkt den Verbrauch besteuern statt die Leistung. Zum sozialen Ausgleich schlug er gestaffelte Sätze vor, niedrig für Grundbedarf, hoch für Luxus.
Könnte man alles über die Mehrwertsteuer finanzieren?
Rechnerisch ja, praktisch mit erheblichen Hürden. Der grosse Vorteil im Zeitalter der Automatisierung: Eine Konsumsteuer greift unabhängig davon, ob ein Mensch oder eine Maschine produziert hat, während Lohnsteuer und Sozialabgaben ins Leere laufen, wenn keine Löhne mehr gezahlt werden. Dagegen stehen der Preisschock bei der Umstellung, Ausweichkäufe im Ausland und die Schwierigkeit, das im nationalen Alleingang einzuführen.
Wie viele Menschen tragen das Steuersystem in Deutschland?
Bei rund 84 Millionen Einwohnern waren im zweiten Quartal 2026 etwa 45,7 Millionen erwerbstätig. Als einkommensteuerpflichtig gelten rund 46 Millionen, wobei diese Zahl irrefuehrend ist: Sie enthält auch Fälle ohne tatsächliche Steuerzahlung, und zusammenveranlagte Paare zählen als ein Fall. Die Zahl der Nettozahler, die mehr leisten als sie an Transfers erhalten, liegt schätzungsweise bei etwa 15 Millionen. Innerhalb dieser Gruppe tragen die oberen zehn Prozent der Steuerpflichtigen, rund 4,6 Millionen Menschen, etwa die Hälfte des Einkommensteueraufkommens. Ein System, das so stark auf wenigen ruht, ist anfällig, wenn Automatisierung genau diese Einkommen trifft.
Würde eine Konsumsteuer die Schwarzarbeit beenden?
Sie würde den grössten Teil des Anreizes beseitigen. Heute spart wer schwarz arbeitet gleichzeitig Lohnsteuer, Sozialabgaben und Umsatzsteuer. Fallen die ersten beiden weg, verdient der Handwerker legal genauso viel wie schwarz, sein Motiv verschwindet. Bestehen bleibt der Anreiz beim Kunden, der die Konsumsteuer sparen möchte. Der ist jedoch schwächer, weil nur noch eine Seite profitiert und weil eingekauftes Material über den Grosshandel erfasst wird und sich mit den gemeldeten Umsätzen abgleichen lässt.
Würde bei einer hohen Konsumsteuer alles teurer?
Nicht zwangsläufig. In heutigen Preisen stecken bereits Lohnsteuer, Sozialabgaben und Unternehmenssteuern entlang der gesamten Lieferkette. Fallen diese weg, sinkt der Nettopreis, während die Konsumsteuer aufschlägt. Unter dem Strich bleibt der Endpreis ungefähr gleich, die Belastung wird nur sichtbar statt versteckt. Hinzu kommt, dass Automatisierung die Herstellungskosten ohnehin senkt. Die offene Frage ist weniger die Höhe der Steuer als die, ob Unternehmen die Ersparnis tatsächlich weitergeben.
Müsste eine Steuerumstellung auf einen Schlag erfolgen?
Nein, und das wäre auch der schlechteste Weg. Sinnvoll wäre eine schleichende Verschiebung parallel zur Automatisierung: jedes Jahr ein Stück Lohnsteuer und Sozialabgaben herunter, ein Stück Konsumsteuer herauf, im Tempo der tatsächlich schrumpfenden Lohnsumme. Das System reguliert sich damit weitgehend selbst. Zum Vergleich: Die deutsche Mehrwertsteuer wuchs seit 1968 schrittweise von zehn auf neunzehn Prozent.
Kann ein einzelnes Land das überhaupt einführen?
Ja. Bei der Mehrwertsteuer gilt bereits das Bestimmungslandprinzip: Exporte verlassen das Land steuerfrei, Importe werden im Zielland besteuert. Deshalb bestehen in der EU sehr unterschiedliche Sätze nebeneinander, von siebzehn Prozent in Luxemburg bis siebenundzwanzig in Ungarn. Die Exportwirtschaft wird dadurch nicht benachteiligt. Ein reales, aber begrenztes Problem bleibt der Einkaufstourismus in Grenznähe.
Wer würde bei einer reinen Konsumsteuer zahlen?
Alle, die konsumieren, und damit deutlich mehr Menschen als heute. Das gegenwärtige System wird vor allem von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten getragen. Beamte zahlen keine Sozialbeiträge, Rentner nur begrenzt Steuern, Vermögenseinkünfte werden pauschal belastet, Schwarzarbeit entzieht sich ganz. Eine Konsumsteuer erfasst alle diese Gruppen sowie ausländische Touristen. Ausserdem lassen sich Gewinne ins Ausland verlagern, ein Verkauf im Inland jedoch nicht.
Welche Alternativen gibt es zum Grundeinkommen?
Vor allem drei. Die negative Einkommensteuer verrechnet Unterstützung direkt mit der Steuer und spart Verwaltung. Eine Dividende auf gemeinsames Eigentum, wie sie Alaska seit 1982 aus Öleinnahmen zahlt, verteilt Erträge statt Transferleistungen. Und die Verkürzung der Arbeitszeit verteilt die verbleibende Arbeit, statt Menschen aus dem Arbeitsleben zu nehmen.
Was unterscheidet eine Dividende von einer Sozialleistung?
Rechnerisch wenig, psychologisch sehr viel. Eine Sozialleistung macht den Bezieher zum Empfänger, eine Dividende zum Miteigentümer. Wenn künftig Maschinen einen grossen Teil der Wertschöpfung erbringen, wäre eine Beteiligung am Produktivkapital deshalb möglicherweise tragfähiger als eine reine Transferzahlung.
Löst ein Grundeinkommen das Problem wegfallender Arbeit?
Nur die finanzielle Hälfte. Das finnische Ergebnis zeigt, dass Geld Druck nimmt, aber keine Aufgabe schafft. Menschen brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden. Diese Frage bleibt auch bei gesicherter Existenz bestehen und wird in der öffentlichen Debatte meist ausgeklammert.
Quellen
- Finnland: Ergebnisse des staatlichen Grundeinkommensversuchs 2017 und 2018, durchgeführt von der Sozialversicherungsanstalt Kela im Auftrag des Sozial- und Gesundheitsministeriums. 2.000 Teilnehmende, 560 Euro monatlich
- OpenResearch, mitfinanziert von Sam Altman: Unconditional Cash Study, US-Studie zu unbedingten Geldzahlungen über drei Jahre
- DIW Berlin und Mein Grundeinkommen: Pilotprojekt Grundeinkommen, 122 Teilnehmende, 1.200 Euro monatlich über drei Jahre (Projektseite)
- Institut der deutschen Wirtschaft: kritische Einordnung der Datenbasis des Pilotprojekts
- Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens in Deutschland, WD 5-201/06, 2006 (PDF). Prüft ausdrücklich Götz Werners Initiative „Unternimm die Zukunft“
- Eidgenössische Volksabstimmung über ein bedingungsloses Grundeinkommen: Schweizer Bundeskanzlei, 5. Juni 2016
- Alaska Permanent Fund Dividend, jährliche Auszahlung seit 1982
- Milton Friedman: Konzept der negativen Einkommensteuer
- Statistisches Bundesamt: Erwerbstätigenzahlen, zweites Quartal 2026, sowie Bevölkerungsdaten
- Auswertungen zur Verteilung der Einkommensteuerlast, unter anderem Institut der deutschen Wirtschaft und DIW Berlin
Zum Modell von Götz Werner
- Götz W. Werner: „Einkommen für alle“, 2007 (Besprechungen bei Perlentaucher)
- Das Konsumsteuermodell im Detail: Die Idee nach Prof. Götz Werner
- Werner im Interview über das Grundeinkommen: Utopia
- Kritik am Modell: Moment.at
- Zur Person: Götz Werner bei Wikipedia
- Netzwerk Grundeinkommen: grundeinkommen.de
Zur Studie in Kenia
- GiveDirectly: Erste Ergebnisse der weltweit grössten Grundeinkommens-Studie, sowie die Übersicht zum Programm
- Abhijit Banerjee, Michael Faye, Alan Krueger, Paul Niehaus, Tavneet Suri: „Universal Basic Income: Short-Term Results from a Long-Term Experiment in Kenya“, 2023
- Innovations for Poverty Action: The Effects of a Universal Basic Income in Kenya
- MIT Sloan: How a universal basic income stabilized Kenyans in bad times
- Deutschsprachige Einordnung: Was wir mit dem Pilotprojekt in Kenia gemeinsam haben
Und jetzt Du: Was würdest Du am ersten Montagmorgen tun? Und hältst Du eine Beteiligung am Produktivkapital für realistischer als ein klassisches Grundeinkommen? Schreib es mir in die Kommentare. Bei diesem Thema ist mir Widerspruch besonders willkommen, denn ich habe meine eigene Meinung dazu während der Recherche geändert.