„Alles ist Energie. Und das ist alles, was es dazu zu sagen gibt. Stimme Dich auf die Frequenz der Realität ein, die Du willst, und Du bekommst sie nicht anders. Das ist keine Philosophie. Das ist Physik.“
Dieser Satz läuft seit Jahren durch alle Netzwerke. Darunter steht fast immer ein Name: Albert Einstein.
Nur hat Einstein ihn nie gesagt.
Kein Brief, keine Rede, keine Notiz. Der Spruch taucht erst Jahrzehnte nach seinem Tod auf. Wer nach einer Quelle sucht, findet immer nur die nächste Kachel, die ihn abgeschrieben hat.
Interessanter als die falsche Zuschreibung finde ich aber die Frage, warum sich ausgerechnet dieser Satz so hartnäckig hält. Millionen Menschen teilen ihn, weil er etwas trifft, das sie kennen. Das sollte man nicht wegwischen.
Und trotzdem… der erste Teil stimmt.
„Alles ist Energie“ ist physikalisch korrekt. Es ist sogar in einem viel radikaleren Sinn korrekt, als jede Instagram-Kachel behauptet. Nur bedeutet es etwas völlig anderes.
Die echte Geschichte dahinter ist verblüffender als die spirituelle Version. Sie hat einen 26-jährigen Beamten, der in seiner Freizeit die Physik umwarf. Sie hat ein Experiment, bei dem einem Forscher sprichwörtlich die Kinnlade runterfiel. Und sie hat einen Mann, der 48 Jahre auf den Beweis für seine Idee wartete und im Publikum sass, als es endlich soweit war.
Fangen wir mit dem Beamten an.
Bern, 1905: Ein Angestellter dritter Klasse
Stell Dir einen Schreibtisch im Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum in Bern vor. Dahinter sitzt ein 26-Jähriger und prüft Patentanmeldungen. Sein Titel: Technischer Experte III. Klasse. Das ist so ziemlich das untere Ende der Karriereleiter.
Er hat keinen Lehrstuhl. Kein Labor. Keine Messgeräte. Keine Assistenten, keine Fördermittel und keine Kollegen, mit denen er sich austauschen könnte.
Was er hat, ist ein Kopf und die Abende.
In diesem einen Jahr 1905 veröffentlicht dieser Angestellte vier Arbeiten. Nicht vier Aufsätze über Randthemen. Vier Arbeiten, von denen jede einzelne für einen Nobelpreis gereicht hätte. Die Physiker nennen es bis heute das Wunderjahr.
Die letzte davon ist ein Nachtrag. Ganze drei Seiten, mit einem Titel, der so hölzern ist, dass man ihn beim ersten Lesen überliest: „Ist die Trägheit eines Körpers von seinem Energieinhalt abhängig?“
In diesen drei Seiten steht der Gedanke, der später zur berühmtesten Formel der Welt wurde.
E = mc²
Ich mag diese Geschichte, und zwar nicht nur wegen der Physik. Der Mann hatte keine Ressourcen. Er hatte eine Frage, die ihn nicht losliess, und er hatte die Disziplin, ihr nachzugehen, nachdem er acht Stunden lang fremde Erfindungen abgestempelt hatte.
Merk Dir das für später. Wir kommen darauf zurück.
Was die Formel wirklich behauptet
Fast jeder kennt E = mc². Die wenigsten wissen, was sie eigentlich sagt. Und sie sagt etwas Ungeheuerliches.
Vor Einstein galten Masse und Energie als zwei verschiedene Dinge. Masse war das, was ein Ding wiegt. Energie war das, was ein Ding tun kann. Zwei Kategorien, sauber getrennt.
Einstein zeigte: Das sind keine zwei Dinge. Das sind zwei Namen für dieselbe Sache.
Masse ist eine Form von Energie. Energie hat Masse. Sie lassen sich ineinander umrechnen, so wie man Meter in Zentimeter umrechnet. Das c² in der Formel ist nichts weiter als dieser Umrechnungsfaktor.
Nur ist der Faktor absurd gross. Die Lichtgeschwindigkeit beträgt rund 300.000 Kilometer pro Sekunde. Und die wird auch noch quadriert.
Was das heisst: In einer winzigen Menge Masse steckt eine unfassbare Menge Energie.
Ein Beispiel, das ich mir gemerkt habe: Unsere Sonne wandelt in jeder Sekunde rund vier Millionen Tonnen ihrer eigenen Masse in Strahlung um. Jede Sekunde. Seit viereinhalb Milliarden Jahren.
Ein winziger Teil dieser umgewandelten Masse wärmt gerade Deine Haut, wenn Du am Fenster sitzt. Das Licht auf Deinem Handrücken war vor acht Minuten noch Materie.
Das ist keine Metapher. Das ist eine Rechnung.
Manchester, 1909: Die Granate und das Seidenpapier
Vier Jahre später, ein anderes Labor, eine andere Geschichte. Und für mich die schönste des ganzen Themas.
In Manchester arbeitet Ernest Rutherford mit zwei Mitarbeitern, Hans Geiger und Ernest Marsden. Sie wollen etwas überprüfen, das eigentlich schon geklärt scheint: den Aufbau des Atoms.
Das gängige Modell damals stammt von J. J. Thomson und ist als Rosinenkuchenmodell bekannt. Man stellte sich das Atom vor wie einen weichen Teig aus positiver Ladung, in dem die Elektronen wie Rosinen stecken. Gleichmässig verteilt. Weich. Ohne harten Kern.
Der Versuch ist simpel. Man beschiesst eine hauchdünne Goldfolie mit Alphateilchen und schaut, was passiert. Nach dem Rosinenkuchenmodell müsste eigentlich alles glatt durchgehen, vielleicht mit leichter Ablenkung.
Und genau das passiert auch. Fast immer.
Aber eben nicht immer. Ungefähr eines von achttausend Teilchen macht etwas Unmögliches: Es prallt zurück.

Rutherford hat das später in einem Satz beschrieben, den ich für den besten der ganzen Physikgeschichte halte:
„Es war fast so unglaublich, als ob man mit einer 15-Zoll-Granate auf ein Stück Seidenpapier schiesst und die Granate zurückkommt und einen trifft.“
Denk kurz darüber nach, was das bedeutet. Wenn eine Kanonenkugel von Seidenpapier zurückprallt, dann steckt in diesem Papier irgendwo etwas extrem Kleines und extrem Massives.
1911 zieht Rutherford die Konsequenz und formuliert ein neues Atommodell: Fast die gesamte Masse steckt in einem winzigen Kern in der Mitte. Der Rest ist… nichts.
Dein Körper besteht fast vollständig aus leerem Raum
Wie winzig dieser Kern ist, lässt sich schwer vorstellen. Deswegen ein Bild, das Physiker gern benutzen:
Wäre ein Atom so gross wie ein Fussballstadion, dann wäre der Atomkern eine Erbse auf dem Anstosspunkt.

Der ganze Rest, alle Ränge, das gesamte Spielfeld, die komplette Höhe bis unters Dach… da ist kein Material. Die Elektronen sind dabei keine kleinen Kugeln, die durch die Zuschauerreihen flitzen. Sie sind eher eine Wahrscheinlichkeitswolke, die den Raum durchzieht, ohne selbst ein Ding zu sein.
Rechnet man das hoch, kommt eine Zahl heraus, die kaum zu fassen ist. Könnte man aus allen acht Milliarden Menschen der Erde den leeren Raum herauspressen, passte die verbleibende Materie ungefähr in ein Stück Würfelzucker. Die Masse bliebe exakt dieselbe. Nur das Volumen wäre weg.
Du liest das gerade und bist dabei zu über 99,99 Prozent… nichts.
Eine Einschränkung ist mir hier wichtig, weil sie gern unterschlagen wird: Das Wort „leer“ ist eigentlich falsch. Dieser Raum ist nicht das Nichts. Er ist von Feldern erfüllt, und die sind sehr real. Aber Substanz in dem Sinn, wie wir uns Substanz vorstellen, enthält er nicht.
Woher Deine Masse tatsächlich kommt
Jetzt kommt der Punkt, bei dem ich beim Recherchieren zweimal nachlesen musste, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen.
Die Protonen und Neutronen im Atomkern bestehen ihrerseits aus noch kleineren Teilchen: aus Quarks. Drei Stück pro Proton.
Man würde annehmen, die Masse des Protons sei die Summe seiner Quarks. So wie ein Sack Mehl so viel wiegt wie das Mehl darin.
Falsch. Die drei Quarks machen zusammen nur etwa ein Prozent der Protonenmasse aus.
Und die restlichen 99 Prozent?
Das ist Bindungsenergie. Die schiere Energie der starken Wechselwirkung, die diese Quarks zusammenzwingt. Und weil Energie nach E = mc² eine Masse besitzt, ist genau diese Bindungsenergie praktisch Deine gesamte Masse.

Lass das einen Moment stehen.
Wenn Du morgen früh auf die Waage steigst, misst Du zu rund 99 Prozent keine Materie. Du misst die Energie, die Deine Bestandteile zusammenhält.
Frank Wilczek, der für die Erforschung genau dieser Wechselwirkung den Nobelpreis bekam, hat dafür eine Formulierung geprägt, die hängen bleibt: Masse ohne Masse. Wir bestehen aus fast nichts, das sehr stark zusammenhält.
Also, ganz nüchtern und ohne einen Funken Spiritualität:
„Alles ist Energie“ stimmt. Wörtlich. Du bist überwiegend Bindungsenergie in fast leerem Raum.
Edinburgh, 1964: Ein Mann und eine abgelehnte Arbeit
Bleibt das letzte Prozent. Und dazu gehört die dritte Geschichte, die für mich die menschlichste ist.
1964 schreibt ein Physiker in Edinburgh eine kurze Arbeit über ein Feld, das den ganzen Raum durchzieht und den Elementarteilchen ihre Masse verleiht. Sein Name ist Peter Higgs.
Die Fachzeitschrift lehnt ab. Zu abgehoben, keine erkennbare Relevanz.
Higgs überarbeitet den Text, ergänzt einen entscheidenden Hinweis und reicht ihn woanders ein. Dort erscheint er. Und dann passiert erst mal: nichts.
Um seine Idee zu überprüfen, bräuchte es eine Maschine, die es nicht gibt. Man müsste Teilchen mit einer Wucht aufeinanderschiessen, die damals technisch unerreichbar war.
Also wartet er.
Er wartet, während seine Kollegen in Rente gehen. Er wartet, während der Teilchenbeschleuniger am CERN geplant, gebaut und immer wieder verschoben wird. Er wartet, während das vorhergesagte Teilchen in der Presse den unglücklichen Spitznamen „Gottesteilchen“ bekommt, den er selbst nie mochte.

Am 4. Juli 2012 sitzt Peter Higgs im Auditorium des CERN in Genf. Er ist 83 Jahre alt. Auf der Bühne wird verkündet, dass man das Teilchen gefunden hat.
Die Kameras zeigen ihn, wie er sich die Tränen wegwischt.
48 Jahre zwischen einer abgelehnten Arbeit und ihrer Bestätigung. Ein Jahr später bekommt er den Nobelpreis.
Ich erzähle diese Geschichte hier nicht, um den Artikel aufzuhübschen. Ich erzähle sie, weil sie etwas zeigt, das mit Physik nichts zu tun hat: Wie lange jemand an etwas festhalten kann, von dem er überzeugt ist… und was passiert, wenn er es überprüfbar formuliert, statt es nur zu behaupten.
Genau darin liegt der Unterschied zu allem, was ich gleich kritisieren werde.
Warum Du dann nicht durch den Stuhl fällst
Zurück zur Praxis. Wenn Du zu 99,99 Prozent leer bist und Dein Stuhl auch… warum fällst Du dann nicht durch?
Die Antwort hat nichts mit Festigkeit zu tun. Sie hat mit Kräften zu tun.
Die Elektronen in Deinem Körper und die Elektronen im Stuhl stossen sich elektromagnetisch ab. Sie kommen sich gar nicht nahe genug, um aneinander vorbeizukommen. Dazu kommt ein Prinzip der Quantenmechanik, benannt nach Wolfgang Pauli, das verbietet, dass bestimmte Teilchen denselben Zustand einnehmen.
Härte ist keine Eigenschaft von Material. Härte ist eine Kraft, die Dich auf Abstand hält.
Wenn Du auf einen Tisch klopfst, berührst Du ihn streng genommen nie. Du spürst die Abstossung zwischen Deinen Elektronen und seinen.
Dich hat noch nie irgendetwas wirklich berührt. Kein Mensch, kein Gegenstand, nichts. Immer war ein winziger Abstand dazwischen, überbrückt von einer Kraft.
Ich finde das jedes Mal wieder umwerfend. Und dafür braucht es keine Deutung, das steht so im Lehrbuch.
Zwei Bedeutungen von einem Wort
Jetzt kommt die Stelle, an der es interessant wird. Denn wenn alles Energie ist… und meine Gedanken sind ja auch irgendwie Energie… was folgt daraus eigentlich?
Bevor ich darauf eingehe, muss man einen Punkt sauber trennen, sonst reden alle aneinander vorbei. Das Wort „Energie“ wird in zwei völlig verschiedenen Bedeutungen benutzt.
In der Physik ist Energie eine messbare Grösse mit einer Einheit. Sie wird in Joule angegeben, sie ist eine Erhaltungsgrösse, sie lässt sich berechnen und in Rechnung stellen. Deine Stromrechnung ist eine Energierechnung.
Wenn Menschen im Alltag von Energie sprechen, meinen sie etwas anderes. Stimmung. Ausstrahlung. Antrieb. Die Atmosphäre, die jemand in einen Raum bringt.
Und jetzt der Punkt, der mir wichtig ist: Das ist keine Einbildung. Jeder kennt Menschen, nach deren Besuch man sich wie ausgewrungen fühlt, und andere, bei denen man aufatmet. Jeder kennt Räume, in denen die Luft steht, ohne dass man sagen könnte warum. Diese Erfahrungen sind real, millionenfach geteilt und für die Betroffenen völlig eindeutig.
Sie werden nur nicht in Joule gemessen. Es sind zwei verschiedene Sprachen für zwei verschiedene Dinge, und beide haben ihre Berechtigung.
Was die Physik hergibt, und was nicht
Die häufigste Argumentation geht so:
Erstens: Alles besteht aus Energie. Das stimmt.
Zweitens: Gedanken sind auch Energie. Das stimmt sogar wörtlich.
Drittens: Also formen Gedanken Materie.
Der dritte Schritt lässt sich aus den ersten beiden nicht ableiten. Nicht weil er zwingend falsch wäre, sondern weil die Physik dazu schlicht nichts sagt.
Was sie sagt, ist Folgendes: Gedanken sind elektrochemische Vorgänge und verbrauchen Energie. Dein Gehirn zieht ungefähr 20 Watt, eine schwache Glühbirne. Die dabei entstehenden Felder lassen sich mit hochempfindlichen Geräten in abgeschirmten Räumen nachweisen, das nennt sich Magnetoenzephalografie. Wenige Zentimeter weiter ist davon messtechnisch nichts mehr übrig.
Auf der Ebene messbarer Kräfte gibt es also keinen Mechanismus, der erklären würde, wie ein Gedanke Materie ausserhalb des Kopfes bewegt.
Das ist eine Aussage über das, was messbar ist. Es ist keine Aussage darüber, was es alles gibt.
Und jetzt die Frage, die ich Dir nicht abnehme
Hier trennen sich die Wege, und ich finde, das darf man ruhig offen so stehen lassen.
Die Physik beschreibt, was sich messen lässt. Das ist ihre Stärke und zugleich ihre Grenze. Sie kann Dir sagen, wie schwer ein Proton ist. Sie kann Dir nicht sagen, ob Dein Leben einen Sinn hat, ob es so etwas wie Verbundenheit gibt oder was Du glauben sollst.
Wer behauptet, die Quantenphysik beweise das Gesetz der Anziehung, überdehnt sie. Wer behauptet, die Physik widerlege alles Spirituelle, macht genau denselben Fehler in die andere Richtung. Beide verlangen von einem Werkzeug eine Antwort, für die es nicht gebaut wurde.
Ich kenne Menschen, die aus einer spirituellen Praxis heraus Dinge geschafft haben, die ich ihnen nie zugetraut hätte. Und ich kenne Menschen, die sich mit „ich muss nur richtig schwingen“ jahrelang selbst blockiert haben, statt zu handeln. Beides habe ich mit eigenen Augen gesehen.
Was ich daraus für mich mitgenommen habe: Es kommt weniger darauf an, was Du glaubst, als darauf, ob Dein Glaube Dich ins Handeln bringt oder davon abhält.
Diese Frage kann Dir kein Physiker beantworten. Und ich auch nicht.
Wie ich meine eigene Position dazu über die Jahre verschoben habe, steht ausführlich in meinem überarbeiteten Artikel über das Gesetz der Anziehung.
Was das für Dich und Dein Leben bedeutet
Und jetzt die Frage, auf die es mir eigentlich ankommt.
Wenn dieser Satz nicht taugt, um sich Dinge herbeizuwünschen… was bleibt dann für jemanden, der etwas erreichen will?
Erstaunlich viel. Nur ehrlicher.
Ich sage das bewusst als Analogie und nicht als Beweis. Die Physik belegt gar nichts über Dein Leben. Aber sie liefert Bilder, die verdammt gut sitzen.
Stabilität entsteht aus Bindung, nicht aus Substanz
Das ist für mich die stärkste Erkenntnis aus dem ganzen Thema. Ein Proton ist nicht schwer, weil so viel drin steckt. Es ist schwer, weil das bisschen, das drin steckt, so stark zusammenhält.
Übertrag das mal auf das, was ich beruflich sehe. Die stabilsten Unternehmen sind selten die mit den meisten Ressourcen. Es sind die mit den festesten Verbindungen. Zwischen den Leuten, zu den Kunden, zum eigenen Warum.
Bei Beziehungen ist es genauso. Was trägt, ist nie die Substanz, sondern die Bindung. Ich habe das im Artikel über Selbstoptimierung und soziale Kälte ausführlich beschrieben.
Was massiv aussieht, ist meistens Verhandlungssache
Dein Schreibtisch fühlt sich an wie Beton und ist fast vollständig leer.
Übertrag das auf die Dinge in Deinem Leben, die sich unverrückbar anfühlen. Die Position, die Du hast. Der Ruf, der Dir vorauseilt. Die Rolle, die Dir in Deiner Familie zugewiesen wurde. Der Satz „so bin ich halt“.
Das fühlt sich alles nach Beton an. Ist es aber selten. Das meiste davon ist Gewohnheit, die sich als Naturgesetz verkleidet hat.
Ein Grössenverhältnis, das hilft
Wer sich klarmacht, woraus er tatsächlich besteht, nimmt manches weniger schwer. Die Mail von gestern. Den Vergleich mit dem, der scheinbar weiter ist.
Das ist kein Aufruf, alles egal zu finden. Es ist eine Frage der Proportion. Und Proportionen helfen ungemein, wenn man dazu neigt, sich festzubeissen. Wer da regelmässig hängenbleibt, findet in meinem Artikel über Fokussierung ein paar praktische Ansätze.
Und das Wichtigste: der Umgang mit dem eigenen Irrtum
Erinnerst Du Dich an den Beamten aus Bern und an Higgs, der 48 Jahre wartete?
Beide haben etwas gemeinsam, und es ist nicht Genie. Beide haben ihre Idee so formuliert, dass andere sie überprüfen konnten. Sie haben eine Behauptung aufgestellt, die scheitern konnte.
Genau das fehlt bei „Alles ist Energie, also stimm Dich auf die richtige Frequenz ein“. Dieser Satz kann nicht scheitern. Wenn es klappt, war es die Frequenz. Wenn nicht, hast Du nicht fest genug geglaubt. Ein Satz, der nie falsch sein kann, sagt Dir auch nie etwas Neues.
Ich habe meine eigene Überzeugung dazu überprüft und fallen lassen. Das war unangenehm.
Aber diese Fähigkeit unterscheidet Menschen, die über Jahrzehnte erfolgreich bleiben, von denen, die einmal recht hatten und daran kleben. Es geht nicht darum, keine falschen Überzeugungen zu haben. Es geht darum, sie loszulassen, wenn sich zeigt, dass sie nicht tragen.
Im Business heisst das: Du korrigierst Deine Strategie, statt sie zu verteidigen. In einer Beziehung heisst es: Du hörst zu, statt recht zu behalten.
Der erste Schritt für heute
Nimm Dir eine Überzeugung vor, die Du für gesichert hältst. Am besten etwas Berufliches, das ist leichter als etwas Persönliches.
„Unsere Kunden kaufen wegen des Preises.“
„In meiner Branche funktioniert das nicht.“
„Dafür bin ich zu spät dran.“
Schreib sie auf ein Blatt.
Und dann schreib eine einzige Frage darunter: Woher weiss ich das eigentlich?

Nicht beantworten. Nur hinschreiben und den Zettel liegen lassen. Bei den meisten Überzeugungen fällt einem innerhalb von zwei Tagen von allein auf, dass die Antwort dünner ist als gedacht.
Genau so hat dieser Artikel angefangen.
Wie es weitergeht
Das hier war die Grundlage. In den beiden folgenden Artikeln gehe ich in die Bereiche, die mich am meisten faszinieren.
Als Nächstes der Beobachtereffekt. Teilchen verhalten sich tatsächlich anders, wenn man sie misst. Das ist kein Mythos, das ist ein Experiment, das seit über sechzig Jahren reproduziert wird. Nur bedeutet das Wort „beobachten“ dort etwas völlig anderes, als fast alle denken. Und es gibt einen zweiten, komplett eigenständigen Beobachtereffekt aus der Psychologie, den Du sofort für Dich nutzen kannst.
Danach die Quantenverschränkung. Zwei Teilchen bleiben verbunden, egal wie weit sie voneinander entfernt sind. Einstein hielt das für ausgeschlossen und nannte es spukhafte Fernwirkung. Er lag falsch. 2022 gab es dafür den Nobelpreis, und heute baut man damit Datenleitungen, die sich nicht abhören lassen.
Häufig gestellte Fragen
Ist „Alles ist Energie“ ein Zitat von Einstein?
Nein. Der kursierende Spruch „Alles ist Energie, und das ist alles, was es dazu zu sagen gibt“ lässt sich Einstein nicht zuordnen. Es gibt dafür keine Quelle in seinen Schriften, Briefen oder Vorträgen. Der Satz erscheint erst Jahrzehnte nach seinem Tod und verbreitete sich vor allem über soziale Netzwerke. Von Einstein stammt die Masse-Energie-Äquivalenz E = mc² aus dem Jahr 1905.
Stimmt es physikalisch, dass alles aus Energie besteht?
Ja, und deutlicher als gedacht. Rund 99 Prozent der Masse von Protonen und Neutronen stammen nicht von den Quarks selbst, sondern aus der Bindungsenergie, die sie zusammenhält. Da Energie nach E = mc² eine Masse besitzt, ist der grösste Teil Deines Körpergewichts gebundene Energie.
Was bedeutet E = mc² einfach erklärt?
Die Formel besagt, dass Masse und Energie zwei Erscheinungsformen derselben Sache sind. Das c² ist ein Umrechnungsfaktor und extrem gross, weshalb in sehr wenig Masse sehr viel Energie steckt. Die Sonne setzt auf diesem Weg pro Sekunde etwa vier Millionen Tonnen Masse in Strahlung um.
Besteht der Mensch wirklich zu 99,99 Prozent aus leerem Raum?
Vom Volumen her ja. Der Atomkern nimmt nur einen verschwindend kleinen Teil des Atoms ein, im Verhältnis etwa wie eine Erbse in einem Fussballstadion. „Leer“ ist dabei etwas irreführend, denn dieser Raum ist von Feldern erfüllt. Feste Substanz enthält er jedoch nicht.
Kann ich mit meinen Gedanken Materie beeinflussen, wenn alles Energie ist?
Auf der Ebene messbarer physikalischer Kräfte gibt es dafür keinen bekannten Mechanismus. Gedanken sind elektrochemische Prozesse, das Gehirn benötigt etwa 20 Watt, und die entstehenden Felder sind wenige Zentimeter ausserhalb des Kopfes messtechnisch nicht mehr fassbar. Die Physik trifft damit eine Aussage darüber, was sich messen lässt. Über Fragen von Sinn, Verbundenheit oder Glauben sagt sie nichts, weder in die eine noch in die andere Richtung.
Warum fällt man nicht durch einen Stuhl, wenn Materie fast leer ist?
Weil Festigkeit keine Substanz ist, sondern eine Kraft. Die Elektronen Deines Körpers und die des Stuhls stossen sich elektromagnetisch ab. Zusätzlich verhindert das Pauli-Prinzip, dass bestimmte Teilchen denselben Zustand einnehmen. Eine Berührung im wörtlichen Sinn findet dabei nie statt.
Was ist das Higgs-Feld einfach erklärt?
Das Higgs-Feld durchzieht den gesamten Raum. Elementarteilchen erhalten ihre Ruhemasse dadurch, dass sie mit diesem Feld wechselwirken. Je stärker die Wechselwirkung, desto träger das Teilchen. Das zugehörige Higgs-Boson wurde 2012 am CERN nachgewiesen, 48 Jahre nach der theoretischen Vorhersage.
Woraus besteht Materie wirklich?
Aus Atomen, die fast vollständig aus leerem Raum bestehen. Im winzigen Kern sitzen Protonen und Neutronen, diese wiederum bestehen aus Quarks. Der grösste Teil ihrer Masse stammt aber nicht von den Quarks, sondern aus der Bindungsenergie zwischen ihnen. Materie ist damit überwiegend gebundene Energie in nahezu leerem Raum.
Quellen
- Albert Einstein: „Ist die Trägheit eines Körpers von seinem Energieinhalt abhängig?“, Annalen der Physik, 1905
- Ernest Rutherford: „The Scattering of α and β Particles by Matter and the Structure of the Atom“, 1911. Das Streuexperiment führten Hans Geiger und Ernest Marsden ab 1909 durch
- Frank Wilczek: „The Lightness of Being“, 2008. Nobelpreis für Physik 2004 für die Arbeiten zur starken Wechselwirkung
- CERN: Nachweis des Higgs-Bosons am 4. Juli 2012. Nobelpreis für Physik 2013 an Peter Higgs und François Englert
- Harald Lesch: Vorträge und Sendungen zur Masse-Energie-Äquivalenz
Und jetzt Du: Kanntest Du das angebliche Einstein-Zitat? Und hättest Du gedacht, dass Du zum grössten Teil aus Bindungsenergie bestehst? Schreib mir einen Kommentar, mich interessiert wirklich, wie es Dir damit geht. Und wenn Dir der Artikel gefallen hat, teile ihn gern 🙂